Nur nicht den Löffel abgeben!

Nur nicht den Löffel abgeben!

170 Jahrfeier im Hotel Sacher der Silberschmiede Jarosinski & Vaugoin

Ich fühlte mich besonderes geschmeichelt, dass ich zu so einem persönlichen Festtag, nämlich zum Geburtstag des wohl smartesten und best gekleidetesten Unternehmers Wiens sprechen darf: Jean-Paul alias Pauli Vaugoin. Darüber hinaus bin ich mir bewusst was für eine große Ehre mir, als einziger Tafelkulturistin Österreichs zu teil wird,  diese meine Lieblingsfirma in Wien, Jarosinski & Vaugoin mit ihrer 170 Jahre, währenden Geschichte zu würdigen.

Schon der komplizierte Name lädt zur Falschschreibung. Bereits 1856 erfolgt eine Namensberichtigung von „Vagon auf Vaugoin“. Der Name Vaugoin kommt aus Frankreich und hat bis heute nur wenige abgezählte Vertreter nach Wien verschlagen. Pauli bestätigt mir seine Familie sei die Einzige, die so heißt. Beachtlich dass eben in der Metternich-Ära dieser gewisse Carl Vaugoin nach Wien kam, um (eventuell von den Aufträgen/Nachwehen rund um den Wiener Kongress angelockt) exakt ein Jahr vor der Revolution 1847 mitten in Wien Neubau (man bedenke die bescheidene Biedermeierstruktur, die Erweiterungen der Stadt und 1850 die Eingemeindung des Wiener Handwerksgebietes in der Myhrthengasse 18 (bei Neuwirth: 1898-1899) eine Werkstatt zu eröffnen. Laut Neuwirth erhält Carl Vaugoin 1850 sein Meisterrecht. Er ist in den Innungslisten von 1851 und 1852 verzeichnet. Die Volkszählung von 1846 zählt unglaubliche 340 Meisterbetriebe der bürgerlichen Gold-, Silber- und Juwelenarbeiter. Dies ist nicht mit heute zu vergleichen, wo sich eigentlich eine Hand voll Firmen dieses Luxussegment in Wien teilen. Einerseits hatten die Einschmelzungen unter den napoleonischen Kriegen (1807) wohl zu einem Nachschubsbedarf geführt. Die hohe Qualität und vor allem das futuristische Design von Biedermeier Silber aus Wien wurde besonders auch 100 Jahre später für die Wiener Werkstätte Künstler formgebend!

1855 ist der Betrieb als offene Gesellschaft eingetragen. 1856 gründen die Söhne Louis und Karl eine Firma „Gebrüder Vaugoin“, wobei nur Louis Vaugoin mit Meisterrecht von 1847 bis 1889 in den Innungslisten genannt ist. 1867 erfolgt die Löschung der Firma und Übertragung der Firma nur auf den einen Bruder: Louis Vaugoin. 1879 erfolgt die Gewerbsverleihung an Ladislaus Jarosinsky (siehe Neuwirth 1979, Seite 273) in der Neubaugasse 40 (1881-1882), dann die Übersiedlung in die Neudeggergasse 20 (1883-1888). In den Markenlexika steht das L J  im Oval für eben diesen Ladislaus Jarosinsky.

Zur Wiener Weltausstellung im Jahre 1873, kommt auch diese Firma in die Gunst der Großbestellungen, wo Industrie und Handwerk sich den Schlagabtausch um das Rennen der Hoflieferantentitel geben. 1885 erfolgt die Übertragung an Margarete Vaugoin als Firmeninhaberin, schon damals stand eine starke Frau an der Spitze, alte Firmenfotos zeigen meist nur Männer in den Werkstätten, obwohl wir unlängst ein Arbeitszeugnis für eine Silberschmiedin im Firmenarchiv aufgefunden haben. 1889 übernimmt Prokurist Johann Anderle die Silberschmiede als Firmeninhaber, was letztendlich 1892 doch zur Löschung führt.

Sicherlich bot die Kaiserstadt mit Ende de 19. Jahrhunderts viele zahlungswillige und kaufkräftige Kunden des Hochadels wie auch des Bürgertums, die den Lebensstil nachzuahmen suchten. Aus dieser Zeit sind die überkompletten, atemberaubenden Besteck-Kassetten zu sehen, die keinen Wunsch offen lassen.

Eissichelmesser, Austern und Schneckengabeln, Konfekt- und Obstbesteck, Knödellöffel, Spargelzangen und nicht zu vergessen die Kabarettgabeln oder Mixed Pickles Gabeln werden bestellt. Das Fischbesteck als Spezialisierung der Tafelkultur kommt von England auf den Kontinent, vorher wurde Fisch mit zwei Gabeln gegessen, was ich bis heute in aristokratischen Haushalten erlebe.

Silber sanieren

Bis heute ist ein Großteil der Firma Jarosinski & Vaugoin auf das Herrichten dieses wahren Familiensilbers spezialisiert, sechs Mitarbeiter in der Werkstatt und drei im Management. Pauli sagt mir sogar, dass sie sicherlich über 5.000 Stücke Silberbesteck im Jahr polieren, wieder in Form bringen und den notwendigen Schliff mit dem Tauschen von lästig rostig gewordenen Klingen verbringen. Ein Teil des Habens von Silber ist sicherlich auch das in die Hand nehmen, das Pflegen und Streicheln.

Neubau war um 1900 einer der bevölkerungsintensivsten Bezirke Wiens, darüber hinaus hatte die Gegend mit Metallverarbeitenden Firmen wie Argentor oder Sturm in der Kaiserstrasse oder bis hin zu Auböck in der Bandgasse mehrere fleißige Kollegen der Wiener Handwerksgeschichte.  1901 erfolgte die ersehnte Verleihung des k. und k. Privilegs und 1905 die bis heute namensgebende Zusammenlegung Jarosinski & Vaugoin. „Jaroschinsky“ mit s ausgesprochen, obwohl polnischer Herkunft trat er erst 1901 durch einen Erbschaftsvertrag ins Unternehmen. Jarosinski steht aber im Firmenwortlaut an erster Stelle und wird sogar von Kollegen als pars pro toto verwendet. Erst 1903 übersiedelt die Firma in die heutige Firmenstätte in der Zieglergasse 24. (bei Neuwirth 1908-1922) Das ist der Ort, wo sich auch heute das einzige Wiener Silberschmiedemuseum befindet, welches Paulis Vater in den Geschäftsräumen im Obergeschoss eingerichtet hatte. Grund genug gibt es: Allein der Formenfundus von über 200 verschiedenen Mustern, die für mich immer wieder der größte Magnet sind, faszinieren. Feinsäuberlich in Laden hat jede Form ihre Nummer.

Im Compass von 1914 steht: Spezialität: Bestecke glatt und verziert, Tabelgeräthe“ ( Quelle. Neuwirth 1979, Seite 273)

In den Markenlexika steht das J. V. im acht eckigen Rechteck für Louis Vaugoin.

Das sehr modern wirkende Coperate Design mit der Bildmarke, dem Kelch, der heute der Echtheitsstempel, das Gütezeichen der besten Wiener Silberschmieden belegt.

Fragen an den Chef

Wenn ich Pauli frage, welche Facon am häufigsten wohl um 1900 verkauft wurde, dann schießt ihm gleich den „Eselsrücken“ ein, nüchtern wird die Facon im Firmenachiv Nr. 17 genannt! Pauli kommentiert aber, dass das heute in der digitalisierten Englisch sprachig dominierten Welt mit „Donky back“ wohl schwer Abnehmer fände…

Wenn ich den Firmenchef frage welches Besteckteil er am Abkömmlichsten empfindet, dann weiss er sofort die „SPARGELESSZANGE“ zu verfluchen!

Foto: Mitarbeiter in der Werkstatt Jarosinski & Vaugoin, Wien um 1900. Foto: Annette Ahrens im Firmenarchiv Jarosinski & Vaugoin, Wien.

Bis 1914 ist Jean Vaugoin Eigentümer. 1918, zum Ende des 1. Weltkrieges, hatte die Firma rund 120 Mitarbeiter! 1922 erfolgt die Änderung des Punzierungsgesetzes, was bis heute Wiener Silber relativ gut datierbar macht. Tierbilder wie der Tukan treten anstelle des Dianakopfpunze. Das Kontrollamtszeichen „A“ für Wien wird gegen das „W“ eingetauscht. 1922 steht abermals eine Frau, Eugenie Ludwig an der Spitze des Unternehmens. Im Jahre 1923, der Gründung der Wiener Werkstätte ist die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Josef Hoffmann oder Otto Prutscher belegt. Das stellt uns heute vor die Tatsache, dass manch ein Entwurf der Wiener Werkstätte von unterschiedlichen Silberschmieden ausgeführt wurden.

Königshäuser rund um die Welt

Wenn Pauli heute mit Butterdosen, Goldtellern und „Muschelessern“ im arabischen, malaysischen (2008) oder katarischen Königshaus (2011) ein und aus geht, so ist es ihm und seinem Rundum-Wohlfühlpaket in Wien mit Oper und natürlich einem Besuch im Sacher geschuldet, dass die hochrangigen Monarchen in Wien zu seinem Löffel greifen. Damit knüpft er an einer hauseigene Tradition an: Bereits 1928 gelingt die Ausstattung des rumänischen Königshofes.

Die internationale Auszeichnung holte sich Jarosinski & Vaugoin in Paris: 1937 bei der „L´Exposition Internationale des Arts et Techniques“.  Auch heute ist Pauli wieder nach Paris zurückgekehrt, um auf Empfehlung seiner charmanten Frau Pia, leider nicht für ein romantisches Wochenende, sondern der maison & object als Aussteller aus Wien zu folgen. 5.000 internationale Marken buhlen hier zweimal im Jahr um die Gunst des Publikums. Mit der Unterstützung der „Vienna products“, alias der Wirtschaftskammer Österreichs, sehe ich hier im Publikum Augarten, Lobmeyr und die Schwäbische Jungfrau. Die junge Generation ist am Ruder und mit exzellentem fachlichen wie amikalem Austausch muss an der Seine niemand den Löffel abgeben. Seitdem Jarosinski & Vaugoin eine ganzseitige Story in der Vougue bekommen hat, ist Silber kurzfristig zu Hause fast so trendy wie Eselrücken, pardon Pferderücken!

 Providentiabrunnen

Foto: Diner anlässlich der Überreichung des Donnerbrunnens im Auftrag der österreichischen Regierung als Geschenk an die UdSSR zum Dank für die Unterzeichnung des Staatsvertrages, Wien 1955. Foto: Annette Ahrens im Firmenarchiv Jarosinski & Vaugoin, Wien

Als Wienerin mit barockem Herz für Plastik macht mich besonders ein Meisterstück schwach: der Providentiabrunnen am Neuen Markt, 1737 bis 1739 von Georg Raphael Donner gestaltet. Im Volksmund Donnerbrunnen genannt. Unter Maria Theresia seiner Nacktheit wegen von der Keuschheitskommission entfernt, traute man sich 1955 ohne weiteres eine Replik dieses Brunnens als Staatsgeschenk der neuen Republik Österreich an die UDSSR anlässlich der Staatsvertragsunterzeichnung zu überreichen. Bitte werfen Sie einen Blick auf den Tafelaufsatz und betrachten sie genau das knackige Hinterteil des Flussgottes, der Traun und vergleichen Sie es am Nachhauseweg unweit des Sachers mit dem Vorbild.

1958 Weltausstellung in Brüssel

Die Ausstellung von Silberwaren im österreichischen Pavillon auf der Weltausstellung in Brüssel wird mit der Verleihung einer Silbermedaille für österreichische Qualitätsarbeit auf internationaler Ebene honoriert. Mit dem Aufschwung und dem internationalen Repräsentationsbedürfnis Österreichs kommt es zur Ausstattung von Botschaften, selbstverständlich mit Augarten Porzellan und dazu passendem Besteck aus der Silberschmiede Jarosinski & Vaugoin. Die häufigste Facon ist die Nummer 105.

1965 Cellinis Saliera

Ein weiteres Meisterstück im Kleinformat haben wir aus dem Formenrepertoire der Silberschmide von Jarosinski & Vaugoin mitgebracht: Die Saliera: diesmal ist sie festgenagelt, oder? Das berühmte Salzfass von Cellini. Sie wurde 1965 als Geschenk an Queen Elizabeth II. in der Werkstätte ausgeformt. Eine weitere Saliera wurde für das Wiener Rathaus abgegossen und eine Ausformung verblieb in Familienbesitz. Ich war nicht minder überrascht als ich sie unlängst bei einer Einladung nicht nur verwenden sondern auch in Händen halten durfte! Sie wiegt schwer, ist leider nicht so groß, dass man sich reinsetzen und ein selfie wie vor dem KHM machen könnte…

1997 gelingt die Palast-Ausstattung für ein Arabisches Königshaus mit Silberwaren nach dem Entwurf eines italienischen Designers. Durch den plötzlichen Tod des Vaters treten im Jahre 2003 Victor Carl Vaugoin, Jean-Paul Vaugoin und Benjamin Louis Vaugoin als sechste Generation in das Wiener Traditions-Unternehmen ein. Seit 2005 führt Jean-Paul Vaugoin nun die Geschicke des Hauses allein, und holt in der Tradition der Zusammenarbeit neben seinem traditionellem Repertoire, welches wir heute mit 170 Jahren feiern, auch zeitgenössische Künstler direkt an die Werkbank. In seiner Werkstätte werden neue Besteckformen entwickelt. Das fasziniert mich, ich möchte mich nochmals auch bei seiner Gattin Pia und seiner Mutter Verena Vaugoin die sich heute Abend massgeblich eingebracht haben, bedanken. Aus viele Gesprächen die wir miteinander und für die Silberschmiede Wiens geführt haben hab ich deutlich gespürt, dass Pauli Vaugoin nicht nur weiss woher er kommt, mit 170 Jahren Familientradition, sondern genau einen Weg sieht mit 35 Lebensjahren:

Einen Weg ins Sacher! Herzliche Glückwünsche!

Jarosinski & Vaugoin — Die Silberschmiede

Zieglergasse 24, 1070 Wien

+43 1 523 33 88

+43 1 523 33 88 7

www.vaugoin.at

silber@vaugoin.com

 

Die einzelnen lieferbaren Formen und der Verwendungszweck sind feinsäuberlich in der unten beigefügten Broschüre der Firma Jarosinki & Vaugoin einsehbar:

Katalog Jarosinski Vaugoin 2018

 

 

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