Aufgedeckt! Im bunten Reich der Tafelkulturistin in Wien Mitte
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| Nach der Trennung von ihrem ersten Mann suchte die Kunsthistorikerin Annette Ahrens ein neues Zuhause. Ihre Freundin Sandra erzählte ihr von einer Wohnung, die direkt über ihrer eigenen frei wurde. Am Arenbergpark im 3. Wiener Bezirk, in der 1906-08 von Architekt Georg Berger und Stadtbaumeister Walter König erbauten Häuserziele, die bis 1949 „Arenbergring“ hieß. „Ich hatte Glück und konnte mit meinen bescheidenen 225 Bananenkartons an Fachbüchern zu Kunstgeschichte und Kunstgewerbe einziehen“, erinnert sich Ahrens. Ein kalkuliertes Risiko, denn die Gründerin der Österreichischen Gesellschaft für Koch- und Tafelkultur hatte ausgerechnet, sich im schlimmsten Fall knappe zwei Jahre idyllisches Wohnen leisten zu können. Doch die Laufbahn als selbstständige Kunsthistorikerin im Antiquitätenhandel kristallisierte sich als gelungen heraus. „Nun bin ich schon 22 Jahre da.“
Bunter Mix, klares Konzept Das Schönste am Haus sei nicht der elegante Stil mit Parkett, Flügeltüren, Kastenfenstern und „einem Plafond in 3,50 Meter Höhe“, sondern die familienähnliche Hausgemeinschaft: „Wir sind eine Großfamilie“. Auch Freunde kommen gerne zu Besuch, da es immer etwas Neues zu entdecken gibt. Schließlich sammelt und vertreibt sie Objekte aus 300 Jahren Tafelkultur. „Mein letzter Fund oder Ankauf darf zuerst einmal auf den Altar, damit ich mir das Objekt quasi optisch ersitzen kann.“ Die lange Tafel für 14 Personen lädt zum Dinner ein. Sie kocht gerne, nimmt alle Bestecke aus der Lade und mischt die bunte Tellervielfalt aus dem Fundus. Der Salon ist von einer Bibliothek gerahmt. „Ich habe mich für ein tragefähiges Archivsystem aus Italien entschieden. Manchen gefällt das Aluminium nicht. Ich bin happy mit dem Mix an Industry-Style und Tragfähigkeit der tonnenschweren Bücherwand.“ Die Liftkabine hatte geschliffene Scheiben, eine knarrende Schiebetür und Stockwerksknöpfe aus poliertem Messing. „Das Komfortabelste war die gepolsterte Sitzbank mit Quasteln aus dem 19. Jahrhundert. Ich fühlte mich jedes Mal wie der Kaiser, wenn ich in meine dritte Etage hochduckelte.“ Ein Magnet beim Einziehen war ein über 100 Jahre alter Mahagonilift. Dieser Lift funktionierte tadellos, bis zu dem Tag an dem die EU-Verordnung Fahrkabinen ohne Sicherheitsgitter verbot. Leider hatte sich die Hauseigentümerin im Gegensatz zum Nachbarhaus von einem modernen Lift überzeugen lassen.“ Die zehn Monate Bauzeit vergisst sie nicht so schnell. „Ich hatte alle meine Belongings in den dritten Stock zu tragen, mich und meine zu vielen Kilos und Koffer, meine Bestecke und Teller.“ Vier große Fenster rahmen die Aussicht. Ihr „Baumhaus“ ist der Erker, dort schreibt sie Texte für den kuratierten Tafelkultur-Onlineshop. Die Flaktürme sieht sie gar nicht. „Ich habe eine der wenigen Wohnungen, die ganz oben zwischen dem Gefechtsturm und dem Leitturm durchschauen.“ Vor ihrem Fenstern sieht sie die Jahreszeiten: „Im Winter ist es besonders schön, wenn eine Schneedecke alles unter einen dämpfenden Mantel hüllt.“ Im Frühjahr sprießen Blumenzwiebeln in den Rabatten. „Und der vor dem Schlafzimmerfenster im Wind tanzende japanische Schnurbaum behält im Herbst am längsten die Blätter.“ Arenbergpark als zweites Wohnzimmer Im Sommer sitze der ganze Bezirk im Park und genieße die Sonnenstrahlen. „Manchmal auch oben ohne.“ Bei gutem Wetter holt sie ihren Picknick-Korb und deckt draußen für ihre Gäste. Weiße Leinendamastserviette, silberne Teekanne, englisches Porzellan. „Da schauen dann schon viele Passanten. Aber das halte ich aus. Gut sogar. Im besten Fall bekommen sie meine Visitkarte der Tafelkulturistin.“
Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin Doris Barbier und der Fotografin Carina Brunthaler für den gelungenen Beitrag in DER PRESSE vom 17. Mai 2026
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