A Passion for Porcelain – Meredith Chilton

A Passion for Porcelain – Meredith Chilton

Die letzten großen Symposien zu Porzellan sind schon eine Weile her, umso erfreulicher war sicherlich im Jahre 2018 die Einladung des Gardiner Museums in Toronto (CA) für viele der hier gebetenen Porzellanexperten. Diese internationalen verstreuten, vor allem die Meredith Chilton sehr freundschaftlich verbundenen Menschen, teilen eine große Leidenschaft: „La maladie de porcelain“, die heute etwas weniger krank nur als „Passion“ bezeichnet wird.

Abbildung: Programm des Symposiums, Toronto, 2018

Foto: Meredith Chilton bei der Einladung zur Olio Suppe anlässlich des Du Paquierbuches, September 2009 New York, Foto: Annette Ahrens

Die Kuratorin des Gardiner Museums und Hauptorganisatorin des Symposiums, Karine Tsoumis verfasste gemeinsam mit Vanessa Sigalas in dieser Publikation einen Überblick des Lebenswerkes von Meredith Chilton. Allen voran steht die nun über 35 Jahre währende Tätigkeit für das Gardiner Museum, wo sie rund 20 Ausstellungen auf die Beine stellte. Zu wichtigen Schenkungen konnte die leidenschaftliche Forscherin die Hans Syz Collection und Stücke von N. Robert Cumming gewinnen. Meredith Chilton kam erst nach ihrem akademischen Abschluss in Manchester (GB) im Jahre 1981 nach Kanada. Bereits zwei Jahre später traf sie George Gardiner, welcher seinen Plan eines eigenen Keramikmuseums in der kanadischen Hauptstadt 1984 realisierte.

Wichtige Ankäufe wie der seltene Hase der englischen Manufaktur Chelsea konnte mit ihrer Hilfe und den richtigen Sponsoren als Andenken an Adele S. Bloom für das Museum akquiriert werden. Die Museums-Bibliothek wurde von Meredith von bescheidenen 200 Büchern auf über 6.000 Publikationen über die Jahre hin aufgestockt. Als fachspezifisches „Masterpiece“ gilt ihre eigene Publikation von 2001: „Harlequin Unmasked, The Commedia dell ´Arte and Porcelain Sculpture“. Ihr einziger Sohn Thomas konnte das Wort „Commedia“ lange nicht mehr hören, so viel Zeit war in diese Passion geflossen. Jedoch gilt diese Publikation als einer der ersten, die Gattungen übergreifenden Betrachtungen der Theaterwissenschaft, Kulturgeschichte und eben Porzellanplastik.

Foto: Meredith Chilton, Melinda Sullivan, Dirk Allgaier, Paul Sullivan anlässlich des Du Paquier Symposiums im Metropolitan Museum, New York, September 2009, Foto: Annette Ahrens.

Meredith Chilton selbst bezeichnet einen Moment in ihrem Porzellanleben als Berührendesten: als sie das Plakat der Du Paquier Ausstellung am Metropolitan Museum in New York an der Fassade flattern sah. Nach den langjährigen Vorbereitungen für „Fired by Passion: Vienna Baroque Porcelain of Claudius Innocentius Du Paquier“ erschien 2009 das Buch, welches die rund 100 Stück umfassende Sammlung der Familie Sullivan, Hartford erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorstellte. Gemeinsam mit der Wiener Porzellanhistorikerin Claudia Lehner-Jobst wurde dieses nicht zu übertreffende dreibändige Opus magnum in deutscher als auch englischer Sprache verfasst. 2017 erhielt die Forscherin als Anerkennung des Kanadischen Staates die höchste staatliche Auszeichnung, den „Order of Canada“.

Als Kuratorin Eremita konnte sie zuletzt 2019 mit ihrem delikaten Feingefühl viele Besucher für die Ausstellung „Food Culture in the Age of Enlightenment“. begeistern. Das hierzu erschienene Kochbuch des 18. Jahrhunderts stelle ich in einer getrennten Rezension vor. Wir dürfen uns auf ihre nächste Publikation, die sich der Sammlung von Meissner Porzellanfiguren der Alan Shimmerman collection, Toronto, widmet, freuen.

Die Beiträge im vorliegenden Tagungsband wurden entgegen dem Symposium in neue Gruppen, denn in verschiedene Reisen gegliedert. Der Weg führt nicht nur nach Frankreich, Deutschland und Österreich, sondern nach Japan und über den Transatlantik Richtung Westen, eben Amerika und Kanada.

Katharina Hantschmann,  Claudia Lehner-Jobst und Sebastian Kuhn

Die Du Paquier Forschungsgruppe ist mit Katharina Hantschmann,  Claudia Lehner-Jobst und Sebastian Kuhn an Board. Lehner-Jobst stellt in ihrem Essay die seit 2009 am Markt neu aufgefundenen Du Paquier Porzellane vor. Kuhn bündelt den Sammlergeschmack der Prinzessinnen von Baden-Baden. Hantschmann kann die 2019 fertig gestellte Neuaufstellung der Porzellansammlungen im Bayerischen Nationalmuseum mit dem Münchner Hof und seiner Residenz vorwegnehmen.

Jeder Autor verfasste am Schluss seines Textes ein kursiv gestelltes Statement, welches die persönliche Verbundenheit der zu ehrenden und sehr beliebten Kollegin, Mentorin, Kunsthistorikerin und vor allem Freundin Meredith Chiton. Ein umfangreicher Fussnoten-Apparat untermauert die jeweils vorgestellten aktuellen Forschungsarbeiten mit wissenschaftlicher Knochenarbeit.

Vanessa Sigalas

Den Vergleich von Elfenbein und Porzellan greift nach Christian Theuerkauff Vanessa Sigalas in ihrem Beitrag über den Dresdner Hof nochmals auf. In ihrem Bild-Vergleich der Savoyarden gibt die teilweise in Kanada lebende Forscherin eine unterhaltsame Vorschau auf die mit Meredith Chilton vorbereitete Publikation zu Meissner Figuren der Shimmerman Collection.

Abbildung: Elefant, Chanitilly, Schenkung von Meredith Chilton an das Gardiner Museum 2019

Ein Elefant von Chanitilly, welchen Meredith Chilton selbst von der schmerzlich verlorenen Freundin und Kollegin Claire Le Corbeiller geschenkt bekommen hat, wird nun anlässlich ihrer Pensionierung zur großzügigen Schenkung. Karine Tsoumis thematisiert in ihrem Essay darüber hinaus Merediths Lieblingsthema: Barocke Tiere und ihre Gesichter.

Dame Rosalind Savill

Die langjährige Directrice der Wallace Collection London, Dame Rosalind Savill widmet ihren Beitrag einem grandiosen, in amerikanischem Privatbesitz befindlichen Almanach aus Vincennes/ Sèvres, welchen sie wie einen kleinen Computer mit enzyklopädischem Wissen in Vergleich zu Merediths Eigenschaften stellt.

Jeffrey Munger

Der ehemalige Leiter der European Sculpture and Decorative Arts Abteilung im Metropolitan Museum in N.Y., Jeffrey Munger, stellt Bernard Palissy Archivunterlagen in Sèvres gegenüber. Seine sehr persönliche Ehrung der Gratulantin ist mit schöneren Worten kaum zu übertreffen.

Linda Roth

Ihre langjährige Freundschaft zu Meredith Chilton versucht Linda Roth, Wadsworth Atheneum, Hartford, nicht nur mit Porzellan, sondern auch zu Hunden und gutem Essen in ihrem ungewöhnlichen Beitrag über den französischen Keramikkünstler Taxile Doat (1851 – 1938) zu verbinden.

Thomas S. Michie

Thomas S. Michie, Boston, bezeichnet die Museumswelt als ein großes Zelt, wo er persönlich durch die Freundschaft zu Meredith Chilton sich glücklich schätzt, ein Plätzchen in einem seiner Ecken gefunden zu haben. Sein Beitrag beleuchtet das Sammeln von englischem Porzellan unter besonderer Berücksichtigung der im Museum of Fine Arts, Boston verwahrten Sammlung von Sigmund und Jessie Katz.

Peter Kaellgren

Den erlesenen Geschmack des Porzellansammelns in Kanada kann der nun auch emeritierte Kurator des ROM, Royal Ontario Museums, Peter Kaellgren, erst nach dem 2. Weltkrieg darlegen. Sehr unterhaltsam liest sich der Sammler-Werdegang des Ehepaars George und Helene Gardiner, die in den 70er Jahren auf Porzellanfang in London kaufkräftig unterwegs waren. Eine enorme Vorbildwirkung in Gelb war für andere kanadische Sammler mit ihrem Meissen Service mit gelbem Fond gegeben.

Daniel Chen

Der Kurator und Kollege Daniel Chen konnte gemeinsam mit Meredith Chilton die Galerie der japanischen Porzellane, die als Schenkung der Macdonald Collection das Gardiner Museum bereichern, kürzlich neu aufstellen. Den geschätzten Nabeshima Porzellanen gilt sein Augenmerk.

Abbildung: Food historian Ivan Day beim Eindecken der Tafel, inspiriert von Vincenzo Corrado, 1789; Gardiner Museum, Februar 2017; Quelle: Gardiner Museum facebook

Schade ist, dass die fantastischen oftmals großformatig abgebildeten Objekte in ihrer Beschreibung und Untertiteln auf eine Inventarnummer verzichten, was die Zitierbarkeit für die nachfolgenden Autoren etwas erschwert. Ebenso ist das Abbildungsverzeichnis graphisch so aufbereitet, dass eine Lesbarkeit bzw. ein Nachvollziehen als zu mühsam abgebrochen wird. Der fehlende Beitrag des englischen Food-Historikers Ivan Day hätte die Entwicklung von Eiskühlern bei Tisch in dieser Publikation für andere nachvollziehbar gemach. Gerade ihn verbindet mit Meredith Chilton eine lange Freundschaft, hatten sie doch zuletzt für die Dauerausstellung im Gardiner Museum eine barocke Tafel mit Tragant-Zuckeraufsätzen, Marzipanobst und fein ausgeführten Zierarbeiten mit historischen Modeln aus seiner einzigartigen Sammlung nachgeformt.

Abbildung: Unser Ausflug nach Schloß Nelahozeves, Nordböhmen im Mai 2010 (von links nach rechts: Giles Ellwood, London – Paris), Annette Ahrens, Dr. Johanna Lessmann (Hamburg), Dr. Alfred Ziffer (München) und Meredith Chillton (Toronto).

Berührend ist die Nennung der Hauptsponsoren, die mit unserem langjährigen Vorstandsmitglied, Vizepräsidenten und wichtigen Porzellanexperten Dr. Alfred Ziffer in engen Zusammenhang steht: sein Partner Michael B. Andressen, München, tritt als Hauptsponsor neben Pierre Karch und Mariel O´Neill-Karch aus Toronto auf und ist somit maßgeblich für die Realisierung des Projektes verantwortlich. Alfred Ziffer wäre sicherlich ein wertvoller Teilnehmer des Symposiums gewesen, doch leider weilt er seit 2017 nicht mehr unter uns. Immer häufiger finden wir den etablierten Kunsthandel wie Michele Beiny Harkins aus New York oder die Galerie Röbbig aus München als Förderer dieser wichtigen Datenträger solcher nur für das angereiste Klientel verfügbaren Weiterbildungen. Jedoch wird auch unsere Gesellschaft der Keramikfreunde oftmals nach einer Unterstützung angefragt, welche wir in diesem Falle gerne an der Seite des „Ceramic Circle of Atlanta“ gewährt haben.

Abschließend ist die lange Liste an Publikationen von Meredith Chilton mit 6 Büchern, 50 Artikeln, zahlreichen Beteiligungen und internationalen Ausstellungen für uns Alle keine Überraschung aber eine dankbare, denn zitierbare Quelle.

Der Chef Kurator des Gardiner Museums Sequoia Miller nennt die vorliegende Publikation richtig in seinem Vorwort: „Dies ist eine Art Testament“, welches uns die langjährige Kuratorin Meredith Chilton in dieser Form schon zu Lebzeiten hinterlässt. Fachliche Kompetenz und Respekt gepaart mit tief verbundenen freundschaftlichen Kontakten rund um den Globus.

Lesetip: Meredith Chilton, A Passion for Porcelain, Essays in Honour of Meredith Chilton, Arnoldsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2020, ISBN 978.3-89790-584-9, 208 Seiten. Euro 38,–

GARDINER Museum

https://www.gardinermuseum.on.ca