Des Königs Erbse, eine Buchbesprechung

Des Königs Erbse, eine Buchbesprechung

Die Autorin Meredith Chilton ist uns spätestens seit ihrer bahnbrechenden Publikation von 2001 „Harlequin Unmasked: The Commedia dell ´Arte and Porcelain Sculpture“ ein Begriff. Zeitgleich zu dem Keramos-Projekt der Komödianten wusste sie ihr langjähriges Interesse von Tanz, Porzellan und Commedia dell´Arte in einem bis heute, unverzichtbaren Standardwerk zu Porzellanfiguren des Rokoko zu vereinen. Im ihrem nun vorliegenden Buch „The King´s Peas“ wird ihr Interesse für die Art der Speisen im Barock, deren Zubereitung und Präsentation auf sinnliche Weise präsentiert. Nicht wirklich ein Ausstellungskatalog, aber doch als Begleitpublikation zu der im Gardiner Museum in Toronto stattgefundenen Sonderausstellung: „Food Culture in the Age of Enlightenment“. Glücklicher Weise hat diese Ausstellung noch eine weitere Station, wenngleich nur jenseits des Atlantiks: Im Wadsworth Atheneum Museum of Art, in Hartford, Connecticut, sollte ab 20. Februar 2020 diese Ausstellung zu sehen sein. Sicherlich rührt die Verbindung der Autorin zu diesem Haus seit der aufwendigen Arbeit für das dreibändige Prachtbuch „Fired by Passion“ (2011) über Innocentius Du Paquier, deren intensivste Sammler, das Ehepaar Sullivan in Hartford leben und Förderer des Museums sind. Beide Bücher sind beim Verleger Dirk Allgaier und der im Kunstgewerbe profilierten Arnoldschen Verlagsgesellschaft in Stuttgart verlegt worden.

Abbildung: P. Aveline l’Ancien (1654 – 1722), Jardin potager de Versailles aus “Vues des belles maisons des environs de Paris édité par Langlois”, 1685.

Der Titel „The King´s Peas“ geht auf eine Begebenheit in Frankreich unter König Louis XIV. zurück, wo dem König diese kleine grüne Bohne mit darin verborgener Erbse erstmals vorgestellt wurde. Ganz Versailles mit Hofstaat war verrückt nach diesen kleinen, grünen Kugeln. Im vom Gärtner Jean-Baptiste de La Quintinie (1626 – 1688) im Jahre 1678 angelegten Gemüsegarten wussten die Hofgärtner die Jahreszeiten der einzelnen Gemüsesorten bis an seine Grenzen für die royalen Tafeln von Versailles zu verlängern.

Foto: Kinder verkaufen Erbsen, Chelsea, England,  um 1759 – 1770, Museum of Fine Arts, Boston  Foto: arnoldsche

Auf rund 14 Leihgeber und rund 60 Objekte konnte die in Porzellankreisen sehr beliebte Kanadierin Meredith Chilton mit großformatigen Aufnahmen einen weiten Bogen der von ihr delektierten Rezepte spannen: Ein Kapitel mit Suppen, Eier und Käse werden zu einem weiteren Kapitel zusammengelegt. Gemüse mit Salat und Eingelegtem haben einen ebenso gewichteten Anteil wie die Fisch-, Fleisch- und Geflügel-Speisen. Vier barocke Saucen und Süß-Speisen mit Drinks runden den Galopp durch barocke Kochbücher ab. Klar strukturierte Ingredienzen werden mit einer genauen Anleitung dem heute interessierten Koch nahegebracht. Überarbeitet und für heutige Leser verständlich gemacht, hat diese Rezepte der Chefkoch Markus Besting, welcher derzeit im York Club in Toronto kocht. Es darf als Detail am Rande erwähnt werden, dass die Autorin im Rahmen ihrer Ausbildung natürlich die Gordon Bleu Cookery School in London besucht hat und selbst die Rezepte vorgekocht hat.

Foto: Martha Bradley, The British Housewife, London 1760  Foto: arnoldsche (aus dem Besitz von Ivan Day)

Auffallend ist, nicht nur die exquisite Qualität der kuratierten Objekte, sondern auch der fantastische Überblick, den die langjährige Kuratorin des Gardiner Museums über Bestände anderer Museen und Sammlungen von weltweit verstreuten Privatpersonen hat. Viele bisher unpublizierte Abbildungen, die als beste Zeitzeugen der alten Kochkunst dienen, werden hier dem Leser vorgestellt und müssen wohl eine beachtliche Summe an Lizenzgebühren vertilgt haben. Den einfach nachzukochenden Gemüsesuppen stehen die beindruckenden Terrinen im tromp l´oeuil gegenüber.

Foto: Wildschweinkopf als Terrine, Strassburg, Paul Hannong 1748 – 1754  Foto: arnoldsche (Privatsammlung)

Humor beweist die Autorin darüber hinaus mit der Aufnahme der charaktervollen Strickarbeiten der Schweizer Künstlerin „Madame Tricot“ (Domenique Kaehler Schweizer, geboren 1948), die aus ihrer eigenen Sammlung die jüngsten Arbeiten zur Verfügung gestellt hat. So finden wir verschiedene Gemüsesorten ebenso im Katalog wie ein herrlich schweizerisches Käsekörbchen, als auch flauschige Artischoken und den naturalistischen Hummer in Stricktechnik. Madame Tricot kann ebenso auf eine Publikation in der Arnoldschen Verlagsgesellschaft verweisen. Die Kombination und Gegenüberstellung von Stichwerken, Porzellan, Silber und dem spezifischen kulturhistorischem Zugang von Meredith Chilton machen den deutschsprachigen Leser etwas neidig, dass in unserer deutschen Sprache nichts Vergleichbares bisher vorliegt.

Foto: Gemüsekorb, Madame Tricot, 2019  Foto: arnoldsche

Dieser Text erschien für KERAMOS, Gesellschaft der Keramikfreunde.

Foto: Annette Ahrens mit Meredith Chilton vor dem Gardiner Museum, 2008

Lesetip: Meredith Chilton, The King´s Peas, Delectable Recipes and Their Stories from the Age of Enlightenment, Arnoldsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2019, ISBN 978.3-89790-560-3, 144 Seiten. Euro 28,–

Potager du Roi — 10 rue du Maréchal-Joffre — 78000 Versailles
Ouvert du mardi au dimanche de 10 heures à 18 heures
Tél. 01.39.24.62.26
Site Internet : http://www.potager-du-roi.fr